Botulinumtoxin-Präparate: Bocouture, Vistabel, Relfydess & Co.

Ihre ärztliche Ansprechpartnerin
Dieser Artikel stammt von der Hautschimmer Redaktion. Für eine persönliche ärztliche Einordnung Ihrer Fragen ist Saskia Heer Ihre Ansprechpartnerin.
Saskia Heer ist approbierte Ärztin mit Tätigkeitsschwerpunkt ästhetische Medizin. Ihr Medizinstudium absolvierte sie an der Charité — Universitätsmedizin Berlin. Sie bildet sich regelmäßig in Injektionstechniken, Anatomie und Komplikationsmanagement fort.
Mitglied der Ärztekammer Brandenburg und Bayern
Wer sich über Faltenbehandlungen mit Botulinumtoxin informiert, stößt auf viele Namen – Bocouture, Vistabel, Azzalure, Relfydess und weitere –, die im Alltag oft alle „Botox“ heißen. Dieser Artikel ordnet die in Deutschland zugelassenen Präparate sachlich ein, auf Grundlage der amtlichen Fachinformationen.
Die kurze Antwort
Was Botulinumtoxin Typ A ist und wie es wirkt
Botulinumtoxin Typ A ist ein Eiweiß, das aus dem Bakterium Clostridium botulinum gewonnen wird. Es blockiert an den Nervenendigungen die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin. Der behandelte Muskel spannt sich dadurch vorübergehend weniger an. Mit der Zeit bilden sich neue Nervenendigungen, die Muskelaktivität kehrt zurück (Fachinformation Vistabel, Abschnitt 5.1). Die Wirkung ist deshalb nicht dauerhaft.
In der ästhetischen Medizin ist das Ziel, Falten abzuschwächen, die durch Muskelbewegung entstehen – etwa die senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen (Glabellafalten). Nach einer Cochrane-Übersicht mit 65 randomisierten Studien verringert Botulinumtoxin Typ A Falten innerhalb von vier Wochen, erhöht aber wahrscheinlich das Risiko für ein hängendes Oberlid (Camargo et al., Cochrane Review 2021).
„Botox“ ist ein Markenname
BOTOX® ist der Name eines bestimmten Arzneimittels von AbbVie (Fachinformation Botox). Es ist in Deutschland für medizinische Anwendungsgebiete zugelassen, nicht für Falten. Für ästhetische Anwendungsgebiete hat derselbe Zulassungsinhaber ein eigenes Präparat: Vistabel.
In den deutschen Fachinformationen heißt der Wirkstoff bei allen Präparaten schlicht „Botulinum-Toxin Typ A“. Um die Präparate zu unterscheiden, verwendet die Fachliteratur eigene Bezeichnungen wie onabotulinumtoxinA, abobotulinumtoxinA oder incobotulinumtoxinA (Flynn 2012).
Sieben Präparate mit ästhetischen Anwendungsgebieten
Die Tabelle ist alphabetisch sortiert. Sie beschreibt die geprüften Fachinformationen, keinen vollständigen Marktüberblick einschließlich Parallelimporten. Eine Zulassung sagt zudem nicht, ob ein Präparat aktuell in einer bestimmten Praxis oder Apotheke verfügbar ist. Die Angaben stammen aus den Fachinformationen zu Alluzience, Azzalure, Bocouture, Letybo, Nuceiva, Relfydess und Vistabel.
| Präparat | Zulassungsinhaber | Wirkstoffbezeichnung | Darreichungsform | Ästhetische Anwendungsgebiete | Zugelassen seit |
|---|---|---|---|---|---|
| Alluzience | Ipsen Pharma (Frankreich); Mitvertrieb Galderma Laboratorium GmbH | abobotulinumtoxinA | Gebrauchsfertige Injektionslösung | Glabellafalten; Erwachsene unter 65 Jahren | 16.09.2021 |
| Azzalure | Ipsen Pharma (Frankreich); Mitvertrieb Galderma Laboratorium GmbH | abobotulinumtoxinA | Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung | Glabellafalten und/oder seitliche Augenfalten (Krähenfüße); Erwachsene unter 65 Jahren | 29.04.2009 |
| Bocouture | Merz Pharmaceuticals GmbH (Deutschland) | incobotulinumtoxinA | Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung | Glabellafalten, Krähenfüße und/oder horizontale Stirnfalten; Erwachsene unter 65 Jahren | 09.01.2006 (50 Einheiten) |
| Letybo | Croma-Pharma GmbH (Österreich) | letibotulinumtoxinA | Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung | Glabellafalten; Erwachsene unter 75 Jahren | 08.04.2022 |
| Nuceiva | Evolus Pharma B.V. (Niederlande) | prabotulinumtoxinA | Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung | Glabellafalten; Erwachsene unter 65 Jahren | 27.09.2019 (EU-weit) |
| Relfydess | Ipsen Pharma (Frankreich); Mitvertrieb Galderma Laboratorium GmbH | relabotulinumtoxinA | Gebrauchsfertige Injektionslösung | Glabellafalten und/oder Krähenfüße; Erwachsene unter 65 Jahren | 06.09.2024 |
| Vistabel | AbbVie Limited (Irland) | onabotulinumtoxinA | Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung | Glabellafalten, Krähenfüße und/oder Stirnfalten; Erwachsene | 27.01.2006 |
Die Wirkstoffbezeichnungen folgen der Fachliteratur (Flynn 2012; Bigalke et al. 2026; Gold et al. 2025; Dressler et al. 2026). Alle ästhetischen Zulassungen gelten nur, wenn das Ausmaß der Falten für die betroffene Person eine erhebliche psychische Belastung darstellt. Das Datum bezeichnet die erste Zulassung des Präparats; Anwendungsgebiete können später hinzugekommen sein. Nuceiva ist zentral für die gesamte EU zugelassen (EMA: Nuceiva).
Seit dem 15. Juli 2026 ist zudem ein Präparat mit einem anderen Serotyp EU-weit zugelassen: Boey von AbbVie mit Botulinumtoxin Typ E (trenibotulinumtoxinE), als Pulver, für Glabellafalten bei Erwachsenen (EMA: Boey; Fachinformation Boey).
Anwendungen außerhalb der genannten Anwendungsgebiete sind von der jeweiligen Zulassung nicht umfasst.
Präparate für medizinische Anwendungsgebiete
Drei bekannte Präparate sind in Deutschland für medizinische, nicht für ästhetische Anwendungsgebiete zugelassen:
Botox und Vistabel (AbbVie), Dysport und Azzalure (Ipsen) sowie Xeomin und Bocouture (Merz) stammen jeweils aus demselben Unternehmen und tragen dieselbe Wirkstoffbezeichnung. Sie haben aber getrennte Fachinformationen mit unterschiedlichen Anwendungsgebieten.
Einheiten sind nicht austauschbar
Die Wirkstärke wird in Einheiten angegeben. Diese beruhen auf unterschiedlichen Testmethoden (Fachinformation Bocouture). In der Fachinformation von Botox heißt es: „Botulinum-Toxin-Einheiten sind nicht von einem Präparat auf andere übertragbar.“ Entsprechende Hinweise stehen in allen hier genannten Fachinformationen, etwa bei Relfydess, Alluzience und Nuceiva. Manche Hersteller benennen ihre Einheiten eigens, zum Beispiel Allergan-Einheiten (Vistabel) oder Speywood-Einheiten (Azzalure, Alluzience).
Eine Angabe wie „20 Einheiten“ bedeutet deshalb nicht bei jedem Präparat dasselbe.
Antikörper und nachlassende Wirkung
Der Körper kann Antikörper gegen Botulinumtoxin bilden. Neutralisierende Antikörper können die Wirkung späterer Behandlungen verringern. Man spricht dann von sekundärem Nichtansprechen. Laut Fachinformationen kann das Risiko steigen, wenn in kürzeren Abständen oder mit höheren Dosen behandelt wird (Fachinformation Azzalure; Fachinformation Vistabel). Die Fachinformationen nennen Mindestabstände zwischen zwei Behandlungen, meist drei Monate.
Nicht jedes Nachlassen beruht auf Antikörpern. Als mögliche Gründe nennen die Fachinformationen auch eine zu geringe Dosis, die Injektionstechnik oder die Injektion in die falschen Muskeln (Fachinformation Bocouture; Fachinformation Relfydess).
Eine Übersichtsarbeit über fünf systematische Reviews fand neutralisierende Antikörper bei ästhetischen Anwendungen nicht oder nur in unbedeutendem Umfang, häufiger dagegen bei Dystonie, Spastik und urologischen Anwendungen. Über drei untersuchte Wirkstoffe hinweg lag die Rate bei 1 bis 2,1 Prozent, ohne signifikanten Unterschied zwischen ihnen. Die Autoren bewerten die Qualität der Reviews als niedrig und fordern gut geplante Vergleichsstudien (Rahman et al. 2022).
Die Fachinformationen von Bocouture und Relfydess beschreiben ihren Wirkstoff als frei von Komplexproteinen, die Fachinformation von Azzalure nennt einen Toxin-Hämagglutinin-Komplex. Solche Begleitproteine können eine Immunantwort auslösen. Für die Wirkung entscheidend sind laut einer Übersichtsarbeit aber nur Antikörper gegen das Toxin selbst (Rahman & Carruthers 2024). Ob Unterschiede in der Zusammensetzung im ästhetischen Dosisbereich klinisch eine Rolle spielen, ist durch gut geplante Vergleichsstudien bisher nicht geklärt (Rahman et al. 2022).
Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Warnhinweise
Nebenwirkungen treten meist in den ersten Tagen nach der Injektion auf und sind in der Regel vorübergehend (Fachinformation Vistabel). Die genaue Häufigkeit unterscheidet sich je nach Präparat und Anwendungsgebiet; maßgeblich ist Abschnitt 4.8 der jeweiligen Fachinformation.
Zu den beschriebenen Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen, Reaktionen an der Einstichstelle, ein hängendes Oberlid oder Veränderungen der Augenbrauen. Häufigkeit und Art hängen vom Präparat und von der behandelten Region ab. Beispielsweise nennt die Fachinformation von Relfydess unter anderem Reaktionen an der Einstichstelle und Kopfschmerzen; die Fachinformation von Vistabel warnt auch vor schweren allergischen Reaktionen. Die Häufigkeitsangaben eines Produkts lassen sich nicht auf alle anderen übertragen.
Schmerz oder Angst bei der Injektion können zudem Kreislaufreaktionen bis hin zur Ohnmacht auslösen (Fachinformation Bocouture).
Warnhinweis – Ausbreitung der Toxinwirkung: Sehr selten wurden Nebenwirkungen fern der Einstichstelle berichtet, etwa allgemeine Muskelschwäche, Schluck-, Sprech- oder Atembeschwerden. Sie können Stunden bis Wochen nach der Injektion auftreten und lebensbedrohlich sein; auch Todesfälle wurden berichtet. Bei Schluck-, Sprech- oder Atembeschwerden ist sofort ärztliche Hilfe nötig (Fachinformation Relfydess; Fachinformation Vistabel).
Gegenanzeigen laut Fachinformationen sind Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen Bestandteil, generalisierte Erkrankungen der Muskeltätigkeit wie Myasthenia gravis oder Lambert-Eaton-Syndrom (bei einigen Präparaten auch amyotrophe Lateralsklerose) sowie eine Infektion an der vorgesehenen Einstichstelle, bei einigen Präparaten auch eine Entzündung (Fachinformation Azzalure; Fachinformation Bocouture).
Vorsicht gilt unter anderem bei Gerinnungsstörungen, blutverdünnenden Medikamenten, Schluckstörungen in der Vorgeschichte und neuromuskulären Erkrankungen. Für Schwangerschaft und Stillzeit raten die Fachinformationen von der Anwendung ab; unter 18 Jahren wird sie nicht empfohlen (Fachinformation Bocouture). Bei Allergien ist die Liste der Hilfsstoffe in Abschnitt 6.1 der Fachinformation maßgeblich, etwa wegen Albumin vom Menschen oder Polysorbat 80.
Verschreibungspflichtig: Anwendung nur durch Ärztinnen und Ärzte
Alle genannten Präparate sind verschreibungspflichtig (Abschnitt 11 der Fachinformationen). Laut Fachinformation dürfen sie nur von Ärztinnen und Ärzten mit entsprechender Qualifikation und Erfahrung angewendet werden (Fachinformation Letybo; Fachinformation Relfydess). Damit sich biologische Arzneimittel zurückverfolgen lassen, müssen Bezeichnung und Chargennummer des verwendeten Präparats dokumentiert werden (Fachinformation Vistabel).
Häufige Fragen
Welches Botox ist das beste?
Es gibt keine allgemeingültige Rangfolge. Jedes Präparat ist für bestimmte Anwendungsgebiete zugelassen und hat eine eigene Dosierung. Direkte Vergleichsstudien gibt es nur für wenige Präparate; die Cochrane-Übersicht fordert weitere, auch für neuere Präparate (Cochrane Review 2021). Welches Präparat infrage kommt, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach Aufklärung.
Ist Relfydess Botox?
Relfydess ist ein eigenes Präparat mit Botulinumtoxin Typ A, in der Fachliteratur als relabotulinumtoxinA bezeichnet (Gold et al. 2025). „Botox“ ist dagegen der Markenname eines Präparats von AbbVie. Relfydess ist in Deutschland seit dem 6. September 2024 zugelassen – für Glabellafalten und Krähenfüße bei Erwachsenen unter 65 Jahren (Fachinformation Relfydess).
Was bedeutet „Botox flüssig“?
Gemeint sind gebrauchsfertige Lösungen. Die meisten Präparate sind ein Pulver, das vor der Anwendung aufgelöst wird. Alluzience und Relfydess sind dagegen bereits flüssig (Bigalke et al. 2026; Fachinformation Relfydess).
Bocouture oder Botox – was ist der Unterschied?
Bocouture (Merz) ist für Glabellafalten, Krähenfüße und horizontale Stirnfalten bei Erwachsenen unter 65 Jahren zugelassen (Fachinformation Bocouture). Botox (AbbVie) ist für medizinische Anwendungsgebiete zugelassen; das ästhetische Präparat von AbbVie heißt Vistabel (Fachinformation Vistabel). Die Einheiten sind nicht austauschbar. Eine Rangfolge ergibt sich daraus nicht.
Kann man Xeomin statt Botox verwenden?
Beide sind in Deutschland für medizinische Anwendungsgebiete zugelassen, jeweils mit eigener Dosierung (Fachinformation Xeomin). Die ästhetischen Anwendungsgebiete stehen in eigenen Fachinformationen, etwa von Bocouture oder Vistabel. Ob ein Präparat durch ein anderes ersetzt wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt; die Einheiten lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Die Fachinformation von Dysport rät bei Langzeitbehandlung davon ab, zwischen Präparaten zu wechseln (Fachinformation Dysport).
Kann man gegen Botulinumtoxin resistent werden?
Das ist möglich, wenn der Körper neutralisierende Antikörper bildet. In Studien zu ästhetischen Anwendungen wurden solche Antikörper aber nicht oder kaum gefunden (Rahman et al. 2022). Lässt die Wirkung nach, kommen auch andere Ursachen wie Dosis oder Injektionstechnik infrage (Fachinformation Bocouture).
Welche Erfahrungen gibt es mit Relfydess?
Persönliche Erfahrungsberichte sind Einzelfälle. In den Phase-III-Studien wurden laut Fachinformation 1.708 Personen mit Relfydess behandelt. In den placebokontrollierten Zulassungsstudien waren Reaktionen an der Einstichstelle (bei etwa 7 Prozent) und Kopfschmerzen (bei etwa 5 Prozent) die häufigsten Nebenwirkungen. Relfydess steht unter zusätzlicher Überwachung. Das soll helfen, neue Erkenntnisse zur Sicherheit schnell zu erkennen (Fachinformation Relfydess; EMA: zusätzliche Überwachung).
Amtliche Quellen
Welches Präparat infrage kommt, ist Teil der ärztlichen Aufklärung vor der Behandlung. Die vollständigen und aktuellen Angaben stehen in der Fachinformation und in der Gebrauchsinformation (Packungsbeilage) des jeweiligen Präparats. Für Patientinnen und Patienten ist besonders die Gebrauchsinformation vorgesehen. Sie lassen sich über das Arzneimittel-Informationssystem auf PharmNet.Bund recherchieren; für EU-weit zugelassene Präparate stellt die Europäische Arzneimittel-Agentur die Produktinformation bereit. Stand der Angaben in diesem Artikel: Oktober 2026.